Journal für Katzenkultur

Grünkohl. Ein Essay

In Viehlosophisches on 7. Dezember 2014 at 16:49

Manchmal muss ich einfach mein Herz ausschütten.  Die Jungs werden es mir verzeihen. Also, hier in eigener Sache:

Grünkohl

Die Winterzeit ist da. Außerhäusige Aktivitäten verlagern sich in die vier Wände. Der Freundeskreis rückt näher zusammen. Wir treffen uns zum Karten spielen, Filme gucken, gemeinsamen Kochen.
Alles sehr heimelig, sehr harmonisch.

Irgendwann, wenn es draußen richtig kalt geworden ist, haut irgendjemand den klassischen Spruch in die frohe Runde: Wir könnten mal wieder Grünkohl kochen! Tumultartige Begeisterungsstürme folgen.

Mein ewiges Deja vu – und wie jedes Jahr nach dem ersten Frost – mein Stichwort.
Das heißt für mich – innerlich sammeln, Bühne frei, mein Einsatz: „Ich mag keinen Grünkohl!“
Wie immer betretenes Schweigen, allgemeine Erstarrung und dann kollektives Entsetzen:
Was? Du magst keinen Grünkohl?

Dieser Ich-mag-keinen-Grünkohl-Satz scheint sich von Grünkohlsaison zu Grünkohlsaison jedes Mal zu verflüchtigen, wie das Vitamin C im zu Tode gekochten Kohl. Als hätte ich ihn nie gesagt.

Ich mag auch keine Tomaten. Also keine unverarbeiteten, nicht die pure Tomate an sich.Wohl aber als Suppe, auf Pizza unter viel Käse, als Ketchup. Jeder Mensch in meiner Umgebung weiß das, akzeptiert das, berücksichtigt es liebevoll bei der Essensplanung. Es wird darüber nicht diskutiert. Ich bin eben die, die keine frischen Tomaten mag und ich bin immer aufs Neue gerührt über die hohe Akzeptanz meiner „Frische-Tomaten-Verweigerung“.

Alles gut so weit. Also, zum Thema zurück – noch einmal klar und deutlich:
Ich mag keinen Grünkohl!

Wie, du magst ihn nicht? Verträgst du ihn nicht? – Nein, ich mag ihn einfach nicht! – Mochtest du ihn noch nie? – NEIN! ICH MOCHTE NOCH NIE GRÜNKOHL!- Hast du denn schon mal Grünkohl gegessen? – Ja, habe ich. Er schmeckt mir nicht.- Aber dann hast du noch nie meinen Grünkohl probiert.- Doch, im letzten Jahr, damit unsere Freundschaft nicht wegen dieser braun- grünen Pampe in die Brüche geht.- Und? – Er hat mir nicht geschmeckt!- Atemlose Stille. Majestätsbeleidigung!
Im Mittelalter wäre ich geköpft worden.

Ich leide unter einem unbehandelten Kindheitstrauma. Aufgewachsen in einer traditionellen westfälischen Familie mit eigenem Garten und einem riesigen Grünkohlbeet, galt dieses Gewächs als das Wintergemüse schlechthin. Wir hatten ja auch sonst nix.

Die Norddeutschen brüsten sich allerdings damit, den Grünkohl quasi erfunden zu haben. Das ist schlichtweg ein Gerücht. Den Grünkohl erfand meine Oma. Auch die Geschichte, dass er unendlich viele Vitamine enthält, stammt von ihr. Als Kind starrte ich angewidert auf meinen Teller und entdeckte kein einziges Vitamin. Dieses Zeugs auf dem Teller roch aber genauso merkwürdig wie es aussah..

Leute! Wir sind doch jetzt erwachsen. Nach menschlichem Ermessen ist der Kohl auf euren Tellern tot! Darin lebt nichts mehr. Vergesst die Sache mit den Vitaminen. Gemüse, das so lange gekocht wird, bis es nicht mehr quietscht, ist nur noch eine Alibi-Beilage.

Bei der nächsten Grünkohl-Veranstaltung sitze ich wieder hoch erhobenen Hauptes am Tisch und esse ohne schlechtes Gewissen meine (unter fließendem Wasser abgespülte) Mettwurst, das Kasseler und die grandiosen Bratkartoffeln. Mein Vitamindefizit behebe ich anschließend mit einem Obstler.

Ich gönne euch diese Geschmacksexplosion von Herzen und wenn ihr den Kümmel vergessen habt, auch eure Blähungen.

Und nein, ich gebe dem Grünkohl keine Chance mehr. Ich probiere auch nicht das Rezept eurer Mutter, Tante, Nachbarin, Ehefrau. Dass das klar ist! Vergesst es einfach und habt mich weiter lieb. Bis zum nächsten Jahr.

Ich bin aber sehr froh, dass wir mal wieder darüber geredet haben.

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